Eine andere Formel, von der viele schon im Musikunterricht gehört haben, ist das Blues-Schema. Während der Turn-Around eher bei „fröhlichen, naiven Lovesongs, gerne mit viel Herz und auch Schmerz“ zu hören ist, wie Kramarz es formuliert, geht es mit dem Blues-Schema zurück an die Anfänge der Popmusik, wie wir sie heute kennen.

Zwar verbindet man mit dem Blues eine Art von Songs, die auch hauptsächlich Herz und Schmerz als Thema haben, er steht aber auch für eine Harmoniefolge, die sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Zunächst vor allem bei schwarzen Sängern im ländlichen Süden der USA bekannt, trat er schnell seinen Erfolgszug in die großen Städte an und prägte später wie kaum eine andere Formel den Rock’n’Roll. Das klassische Bluesschema ist zwölf Takte lang und besteht aus drei Teilen. Damit entsteht eine Art Frage-Antwort-Spiel: Die ersten beiden Teile sind nahezu identisch und verbildlichen eine Frage, die im dritten Abschnitt beantwortet wird. Auffällig ist vor allem, dass oft Noten benutzt werden, die sich erstmal etwas schief anhören. Das sind die sogenannten „Blue Notes“, die nicht zur Grundtonleiter gehören und so Spannung erzeugen. Im Gegensatz zur Turn-Around-Formel wird also nicht nur darauf geachtet, dem Ohr des Hörers möglichst zu schmeicheln. Deswegen ist das Blues-Schema auch in eher wilden Rock-Songs sehr beliebt.

Der Turn-Around und das Blues-Schema stehen nur als Beispiele für die zwölf unterschiedlich komplexen Popformeln, die Kramarz in seinem Buch vorstellt. Deutlich wird vor allem eins: Die Mischung macht’s. Eine Akkordfolge allein garantiert noch keinen Hit – es kommt auf die richtige Kombination an, auf eine zugängliche Struktur und auf eine Melodie, die zum Mitsingen einlädt.

In dem Buch nur am Rande erwähnt wird jedoch alles, was über Melodie, Rhythmus, Harmonie und Form hinausgeht. Da wäre zum Beispiel der „Sound“ eines Musikstücks. Das Wort steht je nach Definition für alles, was nicht auf dem Notenblatt notiert ist. Es kann die Aufnahmetechnik im Studio gemeint ein, aber auch der persönliche Stil des Musikers – eine oft angewandte Spieltechnik, die Nutzung bestimmter Effektgeräte oder eine einzigartige Stimmfarbe. Kleine Nuancen können den großen Unterschied machen, das gilt auch für die Person des Künstlers. Gerade in einer Zeit, in der Musiker alles geben müssen, um aus der Masse der Künstler im Internet herauszustechen, stellt sich die Frage: Wäre „Poker Face“ auch ohne Lady Gagas exzentrisches Auftreten zum Hit geworden? Die „Four Chords“ sind definitiv eine gute Grundlage. Wer aber wirklich Erfolg haben will, muss ein Gesamtpaket haben – und nicht zuletzt ein kleines Quäntchen Glück.